Kopf gespiegelt

Spiegelneurone – Imitation oder Empathie?

Gefühle sind häufig ansteckend. Dafür sorgen unsere Spiegelneurone – kleine Nervenzellen, die gesendete Gefühle und Stimmungen in uns zum Erklingen bringen. Sie sind unser vergessener 6. Sinn, der maßgeblich zur Entscheidungsfindung beiträgt.

Über unsere Intuition

Spiegelneurone sind unser Resonanzsystem. Sie können die neurobiologische Basis für unser intuitives Wissen und das Verständnis dessen, was andere Menschen fühlen, sein. Als Nervenzellen im präfrontalen Cortex des Gehirns, lösen sie unbewusst, während wir unseren Gegenüber bei einer Handlung oder einem Ausdruck von Emotion betrachten, dieselbe Reaktion bei uns aus. Dafür sitzen die Spiegelneuronen in dem Bereich des Gehirns, der für die Motorik zuständig ist. Dies bewirkt, dass wir intuitiv nachempfinden und nachahmen. Die Aktionen oder Emotionen von Anderen werden von unserem Gehirn dechiffriert, so dass ein Spiegelbild von dem was wir sehen entsteht. Diesen Zustand übertragen wir.

Uns und andere spiegeln

Spiegelneurone zeigen uns also aus der Distanz, was Andere in unserer Umgebung fühlen und lassen uns deren Emotionen mitempfinden. So vergewissern wir uns, ob die Gefühle, die wir empfinden, beim Anderen echt sind und welche Absichten sie verfolgen. Dadurch, dass ein und dieselben Spiegelneurone stellvertretend für eine Handlung oder eine Emotion stehen, können wir diese gut auf uns selbst beziehen.

Spiegelneurone reagieren, wenn eine Handlung beobachtet oder gehört wird, die im persönlichen Repertoire bereits vorhanden ist. Sie greifen somit auf den eigenen Erfahrungsschatz zurück und lösen einen somatischen Perspektivwechsel zwischen Alter und Ego aus: wir simulieren innerlich und erleben so, was andere fühlen. dann kommt es häufig zu einer Art emotionaler Ansteckung, spontaner Imitation oder Kopie von Duktus und Habitus.

Perspektivwechsel vollziehen

Wir sind also über das Spiegeln in der Lage, unsere Perspektive zu wechseln und unseren Gegenüber zu verstehen. 

Spiegelneurone senden bereits Signale aus, wenn wir eine Handlung nur beobachten. Und reagieren genau so, als ob wir das Gesehene selbst ausgeführt hätten. Dadurch machen sie uns Menschen zu mitfühlenden Lebewesen. Gleichzeitig führen sie wahrgenommene Situationen und Handlungen vorausschauend zu Ende – indem sie die beobachtete Handlung verstehen und daraus folgende Handlungsziele erfassen. Sie lassen uns erahnen, was unser Gegenüber als Nächstes tun wird über die emphatische Intuition.

Empathische Intuition

Angst und Stress hemmen die Funktion unserer Spiegelneurone jedoch, sie funktionieren dann nicht mehr fehlerfrei. Unsere In­tuition und unsere intuitiven Reaktionen sind in solchen Situationen irrational. In diesen Situationen müssen wir bewusst zusätzlich unsere Ratio hinzuziehen um sinnvoll und zielgerichtet zu agieren. Sind wir zudem in bestimmten Situationen nicht gewillt oder blockiert unseren Gegenüber zu spiegeln, können wir uns bewusst und kontrolliert in eine Verweigerung begeben, in der wir zwar die Gefühle des Anderen wahrnehmen, die entsprechende Reaktion jedoch abblocken. 

Aktionshemmung als Schutz

Damit wir nicht stetig von gespiegelten Handlungen und Emotionen aktiviert und beeinflusst werden oder diese unreflektiert nachahmen, setzt bei Erwachsenen nach dem Hervorrufen einer bestimmten Emotion zudem die Aktionshemmung ein. 

Ab der Geburt nehmen wir unsere Umwelt bewusst wahr und interagieren mit ihr. Über den Kontakt zu Bezugspersonen erlernen wir das Erforschen von Gefühlen und das Nachempfinden von gespiegelten Gefühlen, wir verstehen soziales Verhalten und emotionaler und kommunikativer Ausdrücke. Die im Zuge dieses Lernprozesses gesammelten Erfahrungen bestimmen die Reaktionen und das Funktionieren unserer Spiegelneurone maßgeblich mit.

Zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr verbinden sich Empathie und Spiegelneurone neu. In dieser Phase entsteht die Aktionshemmung, die uns emotional schützt. Auf emotionaler Ebene ist der Grad unseres Mitgefühls und das Funktionieren unserer Spiegelneurone zudem von unseren individuellen Vorerfahrungen abhängig.

Fehler beim Spiegeln

Funktionieren unsere Spiegelneurone nicht fehlerfrei, kommt es zu Fehlinterpretationen. Wird die Fähigkeit zu spiegeln unterdrückt oder nicht genutzt, geht sie sogar verloren. Die Spiegelsysteme sind somit bei verschiedenen Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Wir Menschen haben jedoch stets den Wunsch, unser Verhalten und unsere Gefühle gespiegelt zu bekommen.

Imitation sorgt für Nähe

Anpassung und Gleichheit drücken Verbundenheit, Sympathie und Nähe aus: Wer uns imitiert, den mögen wir und umgekehrt.

Das Mitfühlen und Imitieren verleiht und vermittelt uns Sicherheit innerhalb unserer Umwelt und in unterschiedlichen Situationen. Über die Spiegelneuronen reagieren wir in unterschiedlichen Settings und Situationen kontrolliert und angemessen, dies befriedigt unser Bedürfnis nach sozialer und annehmender Interaktion. Dadurch fühlen wir uns wohl in uns und mit unserem Gegenüber.

Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Kontrolle und Sicherheit kann dazu führen, dass wir uns unbewusst anpassen und andere Standpunkte annehmen, also nicht mehr objektiv sind sondern uns von vorgelebten Normen beeinflussen lassen. Die Spiegelneurone sorgen dementsprechend dafür, dass wir unsere Gegenüber unbewusst imitieren. Dies geschieht vor allem bei Personen, die uns sympathisch sind. Unbewusst Fühlern wir uns verstanden und ernstgenommen und erhöhen und verstärken so die Sympathie zur unserem Gegenüber. In der Folge entspannen wir uns und sind aufgeschlossener und offener.

Resonanz als Phänomen

Diese Reaktion des Resonanzphänomens bezeichnet die mit den Sinnen wahrnehmbare, abgrenzbare Einheit des Erlebens, bei dem die Eigenfrequenz angeregt wird. 

Die Resonanzphänomene sind aufgeteilt in physische und psychische. Bei den psychischen Resonanzphänomen gerät das Erleben in Resonanz, z.B. bei Sympathie oder wenn wir uns verlieben. Ein physisches Resonanzphänomen entsteht, wenn ein Teil des Körpers in Resonanz gerät, beispielsweise wenn in der Musik eine Saite schwingt, die durch eine bestimmte Frequenz angeregt wird.

Die Gefühle anderer nachempfinden und angemessen darauf reagieren zu können, und die Resonanz zu spüren ist also essentiell beim Aufbau von Sympathie und Vertrauen.

Konstruktive Kontroversen

Selbst kontrovers geführte Dialoge werden unter diesen Voraussetzungen als konstruktiv und befriedigend wahrgenommen, da die Kommunikation achtsam und respektvoll geführt wird. 

Ist unser Gegenüber jedoch nur mit sich selbst beschäftigt und keine Resonanz erlebbar, hinterlässt dies ein ungutes Gefühl. Fehlt die Möglichkeit zur Empathie und sind die Funktionen der Spiegelneurone gestört, ist dies im sozialen Miteinander deutlich erlebbar.

Spiegelneurone und Leadership

Gestörte Spiegelneurone sind eine der Ursachen für inkompetente Führung. Spiegelneuronen, die gut funktionierend spiegeln, sind besonders im Kontakt mit Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen elementar. Sie führen zu einer Steigerung der Motivation.

Führende Freundlichkeit beispielsweise führt mit Hilfe der Spiegelneurone auf Dauer dazu, dass sich die gesendete Freundlichkeit zurückspiegelt und eine respektvolle Atmosphäre des Miteinanders entsteht.

Auch in Diskussionen ist es kommunikativ von Vorteil, wenn wir wissen, worum es unserem Gegsprächspartner eigentlich geht, um so die richtigen Argumente und Lösungswege zu generieren. 

Führung wird mit Hilfe der Nutzung unserer Spiegelneurone ganzheitlich und unmittelbar. Denn die Chancen und Möglichkeiten eines spiegelneuronalen Miteinanders sind immens.

Hören wir auf unsere spiegelneuronale Resonanz, erfahren, erleben und gestalten wir mehr Wir.

© by Sebastian Arps & Verena Arps-Roelle